Geschmiedet aus Silber, Mut und Zeitgeschichte
Die deutsche Einheit funkelt golden.
Sie ist 5,3 Kilogramm schwer.
Ein Pokal aus reinem 1000er Silber, veredelt mit Blattgold – geschaffen als offizielles Jubiläumspräsent und über Nacht zum Symbol deutscher Geschichte geworden.
Als Wilfried Schwuchow diesen Pokal im Jahr 1987 schmiedete, war von Wende und Wiedervereinigung noch keine Rede. Anlass war die 750-Jahr-Feier Berlins, ein staatlich inszeniertes Großereignis der DDR.
Der Kunstschmied aus Angermünde war zu diesem Zeitpunkt längst kein Unbekannter mehr. Dank seiner außergewöhnlichen handwerklichen Fähigkeiten arbeitete er als Spezialhandwerker für Denkmalpflege, trug den Titel Metallrestaurator und war freischaffend für staatliche Stellen tätig.
Für das Jubiläum sollte er ein repräsentatives Geschenk für Staatschef Erich Honecker gestalten. Schwuchow entwarf einen vergoldeten Pokal mit den Wappen und Wahrzeichen Berlins. Als er sein Modell bei der Denkmalpflege und im Kulturministerium vorstellte, war die Begeisterung groß.
„Man war hellauf begeistert. Ich bekam den Auftrag.“
— Wilfried Schwuchow
Doch die eigentliche Geschichte dieses Pokals beginnt mit einem Zufall – und mit Menschen.
Ein alter Freund, Berni Grabosch, zog mit seiner Frau nach Angermünde. Sie erzählte Schwuchow von ihrer früheren Arbeit in einem Silberwerk in Sachsen. Nach Feierabend sammelten die Frauen dort mit Pinzetten und Werkzeugen winzige Silberperlen aus Erde und Sand – Reste aus dem Gussprozess.
Über das Jahr kam für jede eine kleine Menge zusammen, eine Art Jahresendprämie, die normalerweise von der Münze angekauft wurde. Eines Jahres jedoch nahm die Münze das Silber nicht mehr ab. Die Frauen wussten nicht weiter und fragten:
Können Sie etwas daraus machen?
Schwuchow begann zu überlegen. Berlin stand vor seinem Jubiläum.
Und plötzlich war die Idee da: ein Pokal – aus diesem Silber.
Man brachte ihm das Material: rund zwölf Kilogramm Feinsilber.
Ein Problem war sofort klar: Feinsilber lässt sich nicht gießen. Das wusste jeder Goldschmied. Also musste ein anderer Weg gefunden werden.
Schwuchow behandelte das Silber wie Stahl.
Er erhitzte es im Schmiedefeuer, walzte es aus und schmiedete tagelang massive Bahnen zu Blechen. Er formte Profile, trieb die Formen von Hand. Das Rote Rathaus, die Becherform – jedes Detail entstand in reiner Handarbeit. Arme, Kopf und Beine des Berliner Bären schmiedete er separat.
Auch das Schweißen von Feinsilber galt als nahezu unmöglich. Schwuchow bereitete Streifen vor und verschweißte sie im WIG-Verfahren – erfolgreich. Fachleute staunten. Es funktionierte.
In seiner kleinen Angermünder Werkstatt erkannte Schwuchow jedoch noch etwas anderes:
Er wollte Berlin erzählen. Und er merkte bald, dass er an der Teilung der Stadt nicht vorbeikam. Auch Westberlin wurde 750 Jahre alt.
So schmiedete er den Berliner Bären als Pokalfuß und stellte auf dem Becher Ost und West gleichberechtigt dar:
das Rote Rathaus und das Schöneberger Rathaus, symmetrisch vereint – getrennt durch eine angedeutete Mauer.
Als Willi den fast fertigen Pokal erneut im Kulturministerium vorstellte, änderte sich die Stimmung. Der Pokal wurde einbehalten. Zwei Wochen später erhielt er ihn kommentarlos zurück.
Kurz darauf erschienen zwei Offiziere der Staatssicherheit in seiner Werkstatt. Höflich, aber bestimmt erklärten sie:
In dieser Form sei es ein Pokal der Wiedervereinigung. Er müsse umgearbeitet werden.
Schwuchow diskutierte.
Er änderte nichts.
Der Pokal wurde tabuisiert – und landete auf dem Kaminsims in seiner Angermünder Wohnstube. Den Materialwert zahlte er weiter ab. Schließlich gehörte das Werk ganz ihm.
Zwei Jahre später kam die Geschichte zurück – mit voller Wucht.
Am 2. Dezember 1990, bei den ersten gesamtberliner Bürgermeisterwahlen, fuhr Schwuchow spätabends mit einem Freund im Trabi nach Berlin. Den polierten Pokal trug er im Einkaufsbeutel.
Sein Wunsch:
Dass Ost- und Westbürgermeister gemeinsam aus diesem Pokal auf die Einheit trinken.
Und es geschah.
Walter Momper und Tino Schwierzina tranken – für einen kurzen Moment – gemeinsam aus dem goldenen Pokal der Einheit. Ein Foto entstand. Dann verschwand der Augenblick.
Schwuchow fuhr zurück in die Uckermark.
Der Pokal liegt seitdem sicher verwahrt. Niemand fordert ihn ein.
Manchmal zeigt er ihn auf Ausstellungen – in München, Frankfurt, der Schweiz oder Dubai. Die Menschen staunen. Mehr nicht.
Doch für Wilfried Schwuchow ist dieser Pokal eines der ehrlichsten Symbole der deutschen Einheit.
Geschmiedet aus Arbeit, Mut und der festen Überzeugung,
dass Geschichte manchmal in kleinen Werkstätten entsteht.
Sein ideeller Wert, davon ist er überzeugt, wird noch wachsen.
Der Pokal wartet – geduldig – auf seinen nächsten Moment.
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